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Stand: 30.10.2026

EIKE: Hitzetote-Studie nutze "kein Stückchen echter Daten"

Irreführend

Link Beschreibung

EIKE veröffentlicht in der Übersetzung von Christian Freuer einen Text von Willis Eschenbach, der zuerst am 23. Oktober 2026 bei Watts Up With That erschien (englischer Titel: "Climate Death Toll: Batteries Not Included"). Er greift die Schnellstudie des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine zu den Hitzetoten in 854 europäischen Städten im Sommer 2026 an. Die Studie habe sich nicht auf tatsächlich registrierte Todesfälle gestützt, es sei "kein einziges Stückchen echter Daten" verwendet worden.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der Kern der Kritik trifft zu, ihre Zuspitzung nicht. Die Studie von Barnes et al.: Heat-related urban mortality attributable to human-induced climate change in Europe in summer 2026 beschreibt sich selbst als Schätzung: Sie kombiniert eine Klimaattribution mit stadt- und altersspezifischen Zusammenhängen zwischen Temperatur und Sterblichkeit und kommt auf 50.391 hitzebedingte Todesfälle in 854 Städten (95-Prozent-Intervall 46.026 bis 53.878), von denen rund zwei Drittel (32.619) auf die menschengemachte Erwärmung entfallen. Gezählt wurden diese Toten nicht. Auch die Berichterstattung zur Studie hält fest, dass es sich um modellierte Schätzungen und nicht um Zählungen von Todesfällen mit Hitze als erfasster Ursache handelt. Wer die Zahl als amtliche Opferzählung liest, liest sie falsch.

Dass dabei "kein einziges Stückchen echter Daten" verwendet worden sei, widerlegt der Bericht selbst. Die Temperaturen stammen aus der Reanalyse ERA5-Land, für die Klimaattribution kommen interpolierte Messungen (E-OBS) hinzu, also Beobachtungsdaten. Die Zusammenhänge zwischen Temperatur und Sterblichkeit wurden mit tatsächlichen Sterbedaten aus den Jahren 2000 bis 2019 in 232 europäischen Städten berechnet; für die übrigen 622 Städte wurden sie über eine Meta-Regression vorhergesagt. Die Sterberaten für 2026 leitet die Studie aus Eurostat-Daten ab, die Einwohnerzahlen aus WorldPop. Nicht ausgewertet wurden die täglichen Sterbezahlen des Sommers 2026. Das ist etwas anderes als ein Verzicht auf reale Daten, und Eschenbach beschreibt die Methode (historische Sterbedaten aus 232 Städten) im selben Text selbst. Am Rande: Die von ihm ausgeschrieben genannte Gesamtzahl "Fünfzigtausenddreihundertneunundneunzig" ist 50.399, die Studie nennt 50.391.

Ob die Schätzung brauchbar ist, lässt sich nicht aus der Methode allein beantworten. Die Autoren vergleichen sie mit amtlichen Zahlen: Santé publique France meldete 5.764 hitzebedingte Todesfälle zwischen dem 17. Juni und dem 2. Juli, Spanien 5.123 für Juni bis August, das Robert Koch-Institut schätzt 16.000 für Deutschland von Kalenderwoche 15 bis 36. Die Studie nennt diese Werte "broadly consistent" (weitgehend übereinstimmend, aus dem Englischen übersetzt), betont aber, ein direkter Vergleich sei wegen unterschiedlicher Abdeckung und Methoden schwierig. Die amtlichen Zahlen sind selbst Modellschätzungen auf Basis erfasster Sterbefälle, wie bei den Wochenberichten des RKI und der Prüfung durch Mimikama nachzulesen ist. Eschenbachs Forderung, Städte, Länder und Altersgruppen einzeln gegen erfasste Sterbezahlen zu halten, erfüllt der vorliegende Bericht nicht: Der Abgleich bleibt grob.

Mehrere seiner Einwände sind berechtigt. Die Zusammenhänge stammen aus den Jahren 2000 bis 2019; die Autoren räumen ein, dass sie spätere Veränderungen etwa bei Anpassung, Gesundheitsversorgung oder Gebrechlichkeit nicht abbilden. Die kontrafaktische Welt ohne Erwärmung ist eine Konstruktion, und der Anteil von 65 Prozent hängt am gewählten Verfahren, einer Verschiebung der Monatsmittel, die die Autoren selbst als vermutlich konservativ einstufen. Laut der Projektseite zu den zugrunde liegenden Temperatur-Sterblichkeits-Funktionen ist der Code wegen restriktiver Datenvereinbarungen zu den Sterbereihen nicht vollständig reproduzierbar. Auch zum Gewicht von 36 Klimamodellen gegenüber den Beobachtungen ist Nachfragen legitim, wobei die Autoren ihr gleiches Gewicht damit begründen, dass Klimamodelle die Erwärmung in Europa unterschätzen.

Dass solche Einwände die Zahl entwerten, folgt daraus aber nicht, denn die Fehlerrichtung ist offen. Eine Anpassung an Hitze würde die Schätzung eher zu hoch ausfallen lassen. Die Studie nennt dagegen Faktoren, die sie zu niedrig ausfallen lassen können: die frühe Lage der stärksten Hitzewelle im Juni, hohe Luftfeuchte und ungewöhnlich warme Nächte, die im Modell nicht berücksichtigt sind. Wie stark sich Anpassung auswirkt, zeigt eine Studie in Nature Medicine zum Sommer 2023: Mit der Verwundbarkeit der Jahre 2000 bis 2004 wären die hitzebedingten Todesfälle rund 80 Prozent höher ausgefallen. Auch das ist eine modellgestützte Rechnung. Sie zeigt, dass Anpassung real ist, aber nicht, dass die Sommer-2026-Schätzung deswegen falsch wäre.

Zur Kälte: Dass Kältetote in der Jahresbilanz zahlreicher sind als Hitzetote, stimmt, nur nennt der Text das Verhältnis ungenau. Die Lancet-Studie von 2015 mit 384 Orten in 13 Ländern ordnet 7,29 Prozent aller Todesfälle der Kälte und 0,42 Prozent der Hitze zu, also etwa 17 zu 1, nicht "zehnmal". Die Sommerstudie behauptet dazu nichts, sie untersucht ausdrücklich nur die Hitze der Sommermonate in Städten. Ein Argument gegen ihre Zahl liefert die Kältesterblichkeit deshalb nicht. Mit dem Kälte-Argument hat EIKE schon im September eine Herzstillstands-Studie überdehnt. Eine verwandte Bagatellisierung hatte es im August bei den britischen Hitzetotenzahlen versucht.

Fazit

Die Behauptung ist irreführend. Richtig ist, dass die rund 50.000 Hitzetoten eine Modellschätzung sind und keine Zählung der Sterbefälle des Sommers 2026, und dass Annahmen wie die konstante Verwundbarkeit seit 2019 oder das gewählte kontrafaktische Szenario die Zahl mitbestimmen. Falsch ist, dass die Studie "kein einziges Stückchen echter Daten" nutze: Sie rechnet mit gemessenen Temperaturen, tatsächlichen Sterbedaten aus 232 Städten und amtlichen Sterberaten. Und die Unsicherheit, die der Text beschreibt, lässt sich nicht einseitig als Überschätzung lesen, weil die Studie auch Faktoren nennt, die zu einer Unterschätzung führen können.