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Ist das AfD-Wählerpotenzial ausgeschöpft?

Zwei Behauptungen kursieren nebeneinander: Die AfD sei am Anschlag, und eine hohe Wahlbeteiligung drücke ihre Prozente. Was die Forschung dazu hergibt, und was nicht.

Zwei Sätze, die trösten sollen

An diesem Sonntag wird in Sachsen-Anhalt gewählt, und in den Wochen davor waren zwei Sätze auffallend oft zu hören. Der erste: Die AfD sei an ihrer Grenze angekommen, ihr Wählerpotenzial praktisch ausgeschöpft. Der zweite: Wenn nur genug Leute wählen gingen, sinke ihr Anteil von selbst.

Beide Sätze sind angenehm zu hören. Der erste macht aus einem Aufstieg eine Deckelung, der zweite aus einem politischen Problem eine Frage der Logistik. Und beide haben Belege auf ihrer Seite, sonst würden sie sich nicht halten. Die Frage ist, was die Belege tatsächlich zeigen.

Was für die Deckel-These spricht

Der prominenteste Vertreter ist Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Ende Juni bezifferte er das bundesweite AfD-Potenzial auf 28 Prozent: 20 Prozent der Wahlberechtigten wollten die Partei wählen, weitere acht Prozent könnten es sich vorstellen. Entscheidend war für ihn die Bewegung, genauer deren Ausbleiben. Der Wert steige seit Wochen nicht, obwohl der Ärger über die Bundesregierung anhalte berichtete t-online.

Dahinter steht ein Argument, das Güllner selbst mitliefert. Der Anteil des rechtsradikalen Milieus in Deutschland sei über die Jahrzehnte bemerkenswert stabil geblieben, gut zehn Prozent der Wahlberechtigten. Frühere Parteien wie die NPD hätten ihn nie vollständig erschlossen, die AfD schon. Wer so rechnet, kommt zu dem Schluss: Der Vorrat ist gehoben.

Auch der zweite Satz hat eine reale Grundlage. Die AfD schneidet dort überdurchschnittlich ab, wo die Wahlbeteiligung niedrig ist, und das gilt seit Jahren. Die Bertelsmann Stiftung hat das für die Bundestagswahl 2017 auf Stimmbezirksebene ausgewertet: Im Milieu der Prekären lag die geschätzte Beteiligung bei rund 58 Prozent, etwa zwanzig Prozentpunkte unter dem bundesweiten Wert, und genau dort erzielte die AfD mit 28 Prozent ihr stärkstes Ergebnis hielt die Studie fest. Daraus lässt sich die Hoffnung ableiten, dass diese Nichtwähler, einmal an der Urne, das Kräfteverhältnis verschieben würden.

Was dagegen spricht

Der Härtetest für diese Hoffnung liegt bereits vor, und er ist eindeutig. Bei der Bundestagswahl 2025 stieg die Wahlbeteiligung auf 82,5 Prozent nach 76,4 Prozent im Jahr 2021, der höchste Wert seit der deutschen Einheit. Im selben Wahlgang verdoppelte die AfD ihren Zweitstimmenanteil nahezu, von 10,4 auf 20,8 Prozent so das amtliche Endergebnis der Bundeswahlleiterin.

Der Politologe Frank Decker hält in seiner Bilanz für die Bundeszentrale für politische Bildung fest, dass die AfD wie schon in ihrer Aufstiegsphase bis 2017 auch 2025 von der stark ansteigenden Beteiligung profitierte und nennt die Wanderungsbilanz dazu. Rund ein Drittel der neu gewonnenen AfD-Wähler kam nach den Analysen von Infratest dimap aus dem Lager der Nichtwähler.

Und es ist nicht der erste Fall. Dieselbe Bertelsmann-Studie, die die Ungleichheit der Beteiligung dokumentiert, beschreibt für 2017 auch, was passierte, als sie kleiner wurde. Der Abstand zwischen den Stimmbezirken mit hoher und niedriger Beteiligung schrumpfte damals erstmals seit 1998 spürbar, von 29,5 auf 26,7 Prozentpunkte, weil die Beteiligung in den armen Vierteln mehr als doppelt so stark stieg wie in den wohlhabenden. Die Studie nennt die Ursache beim Namen: einen "AfD-Effekt".

Das ist genau der Vorgang, auf den die Hoffnung setzt. Er hat stattgefunden, und profitiert hat die AfD. Wer darauf baut, dass Mobilisierung als solche gegen sie wirkt, hat sich also nicht erst 2025 verrechnet.

Wo auch die Gegenthese zu weit geht

Nur trägt der Umkehrschluss ebenso wenig. Die genaueste Aufschlüsselung des Jahres 2025 stammt von der Bertelsmann Stiftung, die auf Basis eines YouGov-Panels mit 12.000 Fällen geschätzt hat, woher die AfD-Stimmen kamen. Das Ergebnis: Nur 38 Prozent ihrer Wählerschaft waren Stammwähler. Die Zugewinne erklären sich zu 19 Prozent aus der Mobilisierung früherer Nichtwähler und zu 41 Prozent aus Zuflüssen von anderen Parteien. In absoluten Zahlen kamen rund zwei Millionen Stimmen aus dem Nichtwählerlager, aber etwa drei Millionen von CDU, CSU, FDP und SPD rechnen Robert Vehrkamp und Martha Posthofen vor.

Den Ausschlag gab 2025 also der Wechselwähler aus der Mitte, weniger das mobilisierte Nichtwählerlager. Das ist ein unbequemerer Befund als beide Ausgangsthesen, weil er die Frage von der Wahlbeteiligung weg und zu den anderen Parteien hin verschiebt.

Bemerkenswert ist außerdem, wie sorgfältig die Autoren ihre eigene Zahl einschränken. Ein erheblicher Teil der Nichtwählenden, gerade jene, die sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen haben, nimmt an Panel-Befragungen gar nicht erst teil. Aussagen über diese Gruppe bezeichnen sie deshalb ausdrücklich nur als Tendenzen. Es ist ein wiederkehrendes Muster: Der Vorbehalt steht in der Studie, aber selten in ihrer Zusammenfassung.

Der Denkfehler, der beide Seiten trägt

Bleibt die Beobachtung, mit der alles anfing: Die AfD ist stark, wo wenig gewählt wird. Sie stimmt. Sie bedeutet nur etwas anderes, als sie zu bedeuten scheint.

Armin Schäfer, Politikwissenschaftler in Mainz, hat für die Bundestagswahl 2021 genau das auseinandergenommen. Er wertete alle 299 Wahlkreise aus, dazu knapp tausend Stadtteile und Umfragedaten der German Longitudinal Election Study. Sein Befund fällt zweiteilig aus. 2017 gelang der AfD die überproportionale Mobilisierung früherer Nichtwähler tatsächlich, 2021 nicht mehr. Und, das ist der eigentliche Punkt: Die Partei schneidet zwar in Gegenden mit niedriger Beteiligung besser ab, aber Veränderungen ihres Ergebnisses hängen statistisch nicht mit Veränderungen der Wahlbeteiligung zusammen zeigt seine Untersuchung.

Das sind zwei verschiedene Aussagen, die im Alltagsgebrauch dauernd verwechselt werden. Die erste vergleicht Orte miteinander zu einem Zeitpunkt. Die zweite vergleicht denselben Ort zu zwei Zeitpunkten. Aus der ersten folgt die zweite nicht. Ein Stadtteil, in dem viele nicht wählen und die AfD stark ist, verrät nichts darüber, wie die Nichtwähler dort abstimmen würden, wenn sie hingingen. Es könnte sein, dass sie sich in der Zusammensetzung von den Wählenden kaum unterscheiden. Es könnte auch sein, dass beides, geringe Beteiligung und AfD-Stärke, auf dieselbe dritte Ursache zurückgeht, etwa auf die Erfahrung, dass Politik am eigenen Ort nichts mehr ausrichtet.

Der zweite Kurzschluss betrifft das Wort "Potenzial". Es klingt nach Kapazitätsgrenze, gemessen wird aber etwas anderes: die Summe aus fester Wahlabsicht und geäußerter Vorstellbarkeit, an einem bestimmten Tag, in einer bestimmten Stimmungslage. Das ist ein Thermometer, kein Deckel. Wie beweglich der Wert ist, zeigt Güllner unfreiwillig selbst. Im selben Gespräch, in dem er das bundesweite Potenzial für nahezu ausgeschöpft erklärte, hielt er eine absolute AfD-Mehrheit im Landtag von Sachsen-Anhalt für durchaus möglich, bei einem Potenzial von 41 Prozent im Osten. Beides kann stimmen, weil sich die Zahlen auf verschiedene Grundgesamtheiten beziehen. Als Beruhigung taugt der erste Satz dann aber nicht mehr.

Was übrig bleibt

Nach der derzeitigen Datenlage lässt sich weder sagen, dass das AfD-Potenzial ausgeschöpft ist, noch dass eine höhere Wahlbeteiligung die Partei zuverlässig schwächt. Was sich sagen lässt, ist präziser und weniger tröstlich.

Der Zusammenhang zwischen Beteiligung und AfD-Ergebnis ist nicht stabil. Er war 2017 vorhanden, 2021 nicht, 2025 zeigte er in die andere Richtung als erhofft. Ein Mechanismus, der sich bei drei aufeinanderfolgenden Wahlen dreimal anders verhält, ist keine Regel, auf die man eine Strategie stellen kann. Beim größten Teil des Zuwachses von 2025 ging es überdies gar nicht um Nichtwähler. Diese Stimmen kamen von Menschen, die vorher eine andere Partei gewählt hatten.

Güllner hat in einem Punkt vermutlich recht, wenn auch anders, als es zitiert wird: Er sagt, das Ergebnis in Sachsen-Anhalt hänge vor allem davon ab, ob CDU und SPD ihre eigenen Leute an die Urne bringen. Nicht die Wahlbeteiligung entscheidet, sondern wessen Wahlbeteiligung. Das ist keine Frage, die sich durch Aufrufe zum Wählengehen beantworten lässt.